PORTRÄT: Ausbildung beim Kaffeepapst

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Jens Rettig wird großes Talent im Kaffeerösten vorausgesagt / Reisen in den Urwald

BOBSTADT – (ajm). Der Beruf des Kaffeerösters ist eine dreijährige, anerkannte Berufsausbildung. Sicherlich ist sie nicht an jeder Ecke zu absolvieren, doch dem Bobstädter Jens Rettig ist es gelungen, seine Ausbildung zu diesem Beruf bei Dr. Steffen Schwarz aus Mannheim zu absolvieren – einer „Weltinstanz in der Kaffeewelt“, in Fachkreisen auch Kaffeepapst genannt.

Doch wie kommt man auf die Idee, eine nicht gerade typische Ausbildung als Kaffeeröster machen zu wollen? „Während meines Studiums der öffentlichen Wirtschaft habe ich in Coffeeshops gejobbt“, erinnert sich Jens Rettig, der etliche Jahre beim VfR Bürstadt kickte. Zucker, Sirup und diverse andere Stoffe standen hier zwangsläufig für die „klassische Massenabfertigung“ auf dem Tagesplan. Nach dem Ende des Studiums wollte der Bobstädter in dieser Branche gerne Fuß fassen, Pläne mit einem Freund scheiterten dann aber zunächst. Von Eric Wolf, der bereits Latte und Deutscher Barista-Meister war, Tom Schweiger, der ebenfalls Latte-Meister, zweifacher Deutscher Barista-Meister sowie dritter der Weltmeisterschaft war, erhielt Rettig den entscheidenden Tipp: „Wenn du lernen willst, wie man Kaffee kocht, gehe zu Tom Schweiger, wenn du alles über Kaffee lernen willst zu Dr. Schwarz.“

Im Nachhinein ist für den Bobstädter klar, dass er bis zu diesem Zeitpunkt noch nie irgendetwas von gutem Kaffee gehört, geschweige denn geschmeckt hatte. Beim Aufbrühen von reinsortigem Kaffee hatte der 28-Jährige dann seinen persönlichen „Aha-Moment“. Zum ersten Mal habe er keine bittere verbrannte Holzkohle, wie man es eben kennt, geschmeckt, sondern handwerkliche Top-Qualität. Und in diesem Augenblick war dem Bobstädter klar: Er möchte keinen eigenen Coffee-Shop betreiben, sondern einen Schritt weiter vorne ansetzen und Kaffeeröster werden.

Zunächst kam ihm die Ehre zu teil, bei Schwarz in Mannheim zu jobben, dann auch in den Fittichen des „Kaffeepapsts“ selbst zu rösten, und zwar über 100 Varietäten, was ihn über einen enormen Erfahrungsschatz verfügen lässt. „Was vom Wein kommt, kann auf Kaffee heruntergebrochen werden“, erläutert Jens Rettig mit einem Strahlen in den Augen. So komme es unter anderem darauf an, ob mit dem Morgentau gepflückt würde oder gegen den Wind. Die Verarbeitung (Processing, Aufbereitung) könne mit dem Ausbau des Weins verglichen werden. Je nach gewählter Aufbereitungsmethode erhalten die Kaffeebohnen nun eine ausgeprägte Süße, Fruchtigkeit oder spritzig-frische Säure, so der Experte, der erklärt: „Beim späteren Screening werden die Kaffeebohnen nach Größe sortiert. Je genauer die Sortierung, umso gleichmäßiger wird später die Röstung ausfallen, da dann die Röstzeiten der einzelnen Bohnen annähernd gleich sind.“

Besonders viel Wert legt der Jung-Unternehmer also auf die Qualität seines Kaffees. So besucht er regelmäßig mit anderen Kaffeeröstern die Plantagen vor Ort – auf der ganzen Welt, darunter einen Familienbetrieb in Indien, von dem er seine Kaffeebohnen bezieht – und zwar mitten im Urwald, wo man gerne auch mal einem Elefanten über den Weg läuft.

Die Kaffeepflanzen dort wurden zur besten Kaffeefarm-Kaffeepflanze Indiens prämiert, „eine riesige Biodiversität“, beschreibt Jens Rettig begeistert das Wachstum der Kaffeebäume inmitten von Nelken und Pfeffer und die Synergieeffekte dieser Pflanzen, die sich einzigartig auf den Geschmack des Kaffees übertragen würden. „Wir lieben Kaffee und haben uns der bestmöglichen Qualität verschworen“, schreibt der Bobstädter auf seiner Internetseite. „Dies lassen wir jederzeit durch unsere Erzeugnisse leben. Bei uns erhält man exklusive Varietäten und Verarbeitung, gepaart mit nachhaltiger Sorgfalt gegenüber Mensch und Natur“, heißt es weiter. Menschenwürdige Bedingungen auf der Kaffeefarm vor Ort liegen Rettig außerdem am Herzen.

Obwohl Kaffee vorwiegend nach Quantität gezahlt wird, leben Kaffeeliebhaber derzeit voll im Filterrenaissance-Zeitalter, wie der Bobstädter berichtet. So werde ein 150 Jahre altes Prinzip gerade wieder neu entdeckt. „Durch den direkten Handel ist es möglich, genauen Einfluss auf die Verarbeitung des Kaffees und damit die Qualität zu nehmen.

Der Kaffee wird auf den Plantagen in 30-Kilo-Säcke abgefüllt und gelangt dann direkt – ohne Zwischenstopp – zu uns nach Mannheim“, verrät Rettig eine Besonderheit. Langfristig möchte der Bobstädter eine eigene Produktion und ein Ladengeschäft – von diesem Ziel träumt er. Sein eigenes Projekt durchziehen eben. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat er mit seinem „Obenauf Kaffee“ bereits gewagt.

Der Online-Vertrieb ist schwierig, keine Frage. Mit dem Agrarmarkt Engert hat Rettig jedoch schon einen großen Kaffee-Fan gewonnen, der Bürstädter Agrarmarkt vertreibt den Kaffee des Bobstädter Kaffeerösters vor Ort. Jüngst hat sich Jens Rettig mit der Anschaffung eines speziell gestalteten und entsprechend eingerichteten Anhängers, mit dem er über Märkte tingeln und sich und seine Vision präsentieren möchte, einen Traum für seine Kaffee-Mission erfüllt.

Zeitungsbereicht

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